Am Fenster brennt eine Kerze.
Draußen tobt der Schneesturm seit Stunden, doch hier drinnen ist es warm und gemütlich.
Auf dem fellüberhangenen beheizten Kang liegen verteilt verschiedene Karten von Tieren und Ländern. Es passen mindestens sechs Leute drauf, aber momentan lümmeln sich nur zwei Jungs darauf herum, die staunend die Tiere betrachten, von denen sie noch nicht einmal wussten, dass es sie gibt.
Der Rest der Gruppe ist gerade im Nebenzimmer der geräumigen Blockhütte dabei, das Abendessen vorzubereiten und zweie sind draußen, um Holz zu holen.
Über dem Kaminsims hängen kleine Socken für die Jungs, das hat einer mal laut lachend übernommen, als er es in A-Meri-Ka gesehen hat. So hat er dieses Land genannt, aber so richtig glaubt man es wahrscheinlich erst, wenn man wirklich da war, meint er immer noch augenzwinkernd dazu.
Guck mal, flüstert der Lockige von den beiden nun mit aufgerissenen Augen, der da! Der ist toll! Im Hintergrund das Prasseln des Feuers, ab und an knackt ein Zweig.
Was ist das? Meint der andere Junge, und in der Anstrengung, das Bild zu verstehen, kräuselt sich seine sommersprossige Nase. Gedankenverloren blättert er das Buch weiter, ohne das er einen Finger gerührt hätte. Es hat Streifen und ganz viele Haare, meint der andere. Die Streifen sind der Hammer. Und diese Krallen erstmal! Lert soll mich mal mitnehmen, wenn er wieder da ist. Den will ich sehen. Er müßte eigentlich gleich kommen, dann kann ich durch seine Brille gucken. Wenn er mich läßt.
Die Brillen waren das Allerheiligste der Erwachsenen, ohne Erlaubnis durften sie sie nie anfassen. Sie lagen in einem gesonderten Regal über dem großen Schreibtisch im Nebenzimmer.
Jede von ihnen hatte eine andere Fassung und war aus verschiedenfarbigem Glas gemacht. Wenn Jugendliche ihre erste Schneestrecke alleine hinter sich gebracht hatten, bekamen sie eine eigene, aber das war bei beiden noch lange nicht der Fall.
Nein, Jon. Du weißt, was letztes Mal passiert ist, flüstert er nun unvermittelt. Da mach ich nicht mit. Warte doch einfach. Kann ja nicht mehr lange dauern. Sein Freund hat zwar nichts gesagt, aber das ist auch nicht nötig, er kennt dieses Glitzern in seinen Augen nur zu gut.
Seine Mutter guckt aus dem Nebenzimmer um die Ecke. Jon? Ich hab dich gehört, vergiß es einfach, okay? Du könntest stattdessen mal die Schuhe im Flur aufräumen, damit niemand darüber stolpert.
Und paßt bitte mit den Büchern auf. Ihr wißt ja, wo sie herkommen, das ist schwer zu ersetzen, wenn es mal dreckig geworden ist.
Draußen, in der warmen Mittagshitze dieses bedrückenden Sommertages, fiel Stefan der Länge nach über den Bordstein. Verwundert schüttelte er sich und drehte sich um, aber da war gar keine hohe Bordsteinkante. Was auch immer, grummelte er und ging in sein Haus.
Es war heute trotz allem ein guter Tag im Laden, er hatte viel verkauft und seine Kollegen und er haben sich prächtig amüsiert. In einer Woche würde er in Malaysia sein, das konnte er sich nun leisten. Noch heute hatte er hitzig darüber diskutiert, ob man die Bevölkerung davon abhalten solle, ursprüngliche Tiere wie den Tiger zu verjagen oder ob man auf ihre katastrophale wirtschaftliche Situation Rücksicht nehmend Reservate einrichten solle und wenn ja, wie sich das bewerkstelligen ließe. Einig sind sie sich nicht geworden, aber es war interessant, mal eine andere Meinung zu hören.
Mit Sehnsucht träumte er von Schnee, viel Schnee. Was für ein Sommer. In seine Wohnung kommend, stellte er erst einmal ein großes Glas Wasser mit Eiswürfeln ans Fenster, weil es dort am kühlsten war.